3. Wiesen, Äcker, Wasserleiten


Ortsbezeichnung: Flüe (Uf dr Flüe)

Vertikal wird das Gelände gegliedert durch Naturereignisse wie Lawinen und Murgänge, horizontal durch die Bewirtschaftung der Menschen.

Oben unter den Felsen waren die Äcker mit Roggen, Getreide, Kartoffeln.

Unterhalb der Äcker wurden die Wiesen bewirtschaftet.

 

Details zu Wiesen, Äcker, Wasserleiten

Die Schälpmatte misst mehrere tausend Quadratmeter. Auf dem Areal verstreut sieht man einige Stallscheunen. Sie gehören verschiedenen Besitzern, oft teilten sich mehrere Leute eine einzige Stallscheune. Auch das Land ist in viele Parzellen aufgeteilt.

 

Diese Kleinparzellierung war einst sinnvoll: Jeder Eigentümer besass mehrere Dutzend Parzellen, die sowohl an der Sonnseite als auch an der Schattseite lagen und die unten vom Dorf bis hoch zur Alp verteilt waren. Hier schmolz der Schnee früher und man konnte die Feldarbeiten beginnen, dort jedoch später; hier war es trockener, dort feuchter; hier der Sonne zugekehrt, dort schattiger. Damit war die Arbeit nach Jahreszeit und Witterung auf verschiedene Höhenstufen und Talseiten verteilt und war Schritt für Schritt machbar.

 

Diese Aufeilung hatte auch einen ungewollt sinnvollen Nebeneffkt: Verwüstete eine Lawine oder ein Wildbach ein Gebiet, verlor ein Bauer nur einen kleinen Teil seiner Grundlage. All seine anderen Parzellen blieben unversehrt. Man überlebte dank dieses Risikosplittings. Hätte man grosse Flächen am Stück besessen, hätte ein Totalverlust gedroht – Hunger oder Auswanderung wäre die Folge gewesen.

 

Tempi passati. Wir haben Mühe, die damaligen Zwergbetriebe zu verstehen, die mit weiten Fusswegen und mühseligen Transporten in Rückenkörben verbunden waren. Heute fährt eine Maschine über die Schälpmatte und mäht die riesige Fläche rationell in einem Vormittag. An eine andere Zeit, die nur wenige Jahrzehnte her ist, erinnert sich der Zermatter Othmar Perren (*1948) und erzählt: „Hie hey wier drii Wuche mit de Sägese gsebjud und hiitu machendsch alls in eynem Tag“ – hier haben wir drei Wochen mit den Sensen herumgesäbelt und heute machen sie alles in einem Tag.

Damals bewirtschafteten etwa zehn Familien die obere Schälpmatte. Heute ist es ein Einzelner und der Zufall will es, dass der Bauer Reto Gobba gerade mit seinem Motormäher (Typ Combi Trac) auf der steilen Matte arbeitet und das Heu wendet. In unserem Gespräch treffen Welten aufeinander.

 

„Hie hani i hüüffe Erinnrige. Jeda Üstag sii wer hie ga rächu und hey d Steina uf e Rüümhüüffe griert – hier habe ich viele Erinnerungen. Jeden Frühling gingen wir hier mit dem Rechen das Land säubern und warfen die Steine auf einen Sammelhaufen", erklärt Othmar Perren weiter. „Nam Rüüme hey wer mit dr Gablu dr Buww kchleynud. Dr Chüebuww ischt vil besser ggange wa dr Scha6uww, di Tscholle, da hescht hertr miesse schlaa! – im Frühling gingen wir hier auch den Mist zerkleinern. Der Kuhmist liess sich mit der Gabel viel besser klein schlagen als der Schafmist, diese Brocken, da hast du fest schlagen müssen!“

 

Auch die Anfänge der mechanisierten Landwirtschaft  hat Othmar Perren miterlebt, also die Vorgänger von Bauer Gobbas flinkem Allzweckfahrzeug, das bereits wieder über die steile Schälpmatte rattert : „Yischa Vatter hed ja d erscht Meemaschina hie ka, damals hets kheysse Traktor, 1956 ischt das gsi - unser Vater hatte hier die erste Mähmaschine, damals hiess es Traktor, 1956 war das.“ Der Einachser der Marke Bucher-Fahr mit seinem Ladeanhänger und dem Mähbalken mag uns heute niedlich erscheinen. Wer je von Hand Berglandwirtschaft betrieb, für den waren diese paar PS bereits eine revolutionäre Erleichterung. Doch kritisch waren damals die Reaktionen im Dorf: „Der meed ja gar nid rächt“, musste sich Vater Perren die spöttischen Kommentare anderer Landwirte anhören, die als Sensenmäher nur die präzise und saubere Handarbeit schätzten.

 

Auf der oberen Schälpmatte erblicken wir talauswärts zwei Stallscheunen, die ganz aus Stein gebaut sind, die restlichen sind aus Holz. Die untere dieser beiden wurde um die Jahrhundertwende an Stelle eines von der Lawine weggefegten Holzbaus mit einem rückwärtigen Lawinenteiler errichtet. Von der oberen weiss Othmar Perren zu berichten: „Ettru Leo - Leo Julen (1885 - 1957) - war der Onkel meiner Mutter. Er hat dieses Gebäude von Grund auf gemauert und stellte den Steinteil gegen den Lawinenzug hin. Leo sprengte grosse Steine, die auf der dazugehörenden Wiese lagen und verbaute diese zur Stallscheune. Den Boden ebnete er aus.

Das sii derna ds weegscht Güet gsi am Bärgje fer z meeje – das sei danach das schönste Gut am Berg gewesen um zu mähen.“

 

Den Namen Schälpmatte führt der Flurnamenforscher Prof. Dr. Iwar Werlen (Bern) auf das mittelalterliche Wort „schelb“, auch „schalb“ oder “schälb“ zurück, das „schief“ meint. Es handelt sich um eine steile Matte, eine abschüssige Wiese. Sie ist in unserem Falle 1435 als „Schelbmatta“ und „an den Schelbmatton“ schriGlich bekannt. In der Tat stehen wir an einem steilen Wiesenhang – bekannter ist im Oberwallis der aus „schelb“ abgeleitete Flurname „Schälbet“, „Schalbet“, was ein schiefes, abschüssiges Gebiet meint, wie Iwar Werlen erklärt.

 

Nach 400 Metern haben wir auf 1720 Metern eine Weggabelung erreicht. Hier biegen wir links (nach Osten/Südosten) ab, in taleinwärtige Richtung hoch und überblicken nochmals das gesamte Gebiet der Schälpmatte. Beim Blick in die Landschaft fällt auf, dass sich zuoberst im Gelände die Terrassierungen der früheren Äcker abzeichnen. Die mittleren und unteren Lagen bestehen aus Heuwiesen. Diese Auteilung hatte ihren Sinn: Soll das Getreide im Gebirge reifen können, benötigen die Äcker eine intensive Sonneneinstrahlung. Dies ist in den höheren, steilen und der Sonne zugekehrten Arealen gegeben. Trotz der kurzen Vegetationsperiode im Gebirge vermag das wärmeliebende Getreide hier auszureifen. Die Wiesen mit den darauf zerstreuten Stallscheunen aber können ohne Verlust tiefer liegen, bis in die Ebene hinein – wo sie dem Dorf erst noch näher sind und das Heu weniger weit in die Scheunen getragen werden muss. Dies verkürzt im Winter auch die Wege zum Versorgen des Viehs.

 

Manchmal bilden Wasserleiten die Grenzlinie zwischen den Äckern und den Matten: Die zuoberst an die Matten herangeführten Wasserleiten, im französischsprachigen Wallis bisses genannt, ermöglichen eine intensive Bewässerung und steigern die Erträge der Heuernte.