6. Recycling anno dazumal


Ortsbezeichnung: Leng Flüe (Zer lengu Flüe)

Aus einem abgetragenen Wohnhaus wurde dieser Stall errichtet.  Eine Stubenbinde (Deckenbinde) mit zwei geschnitzten Rosetten wird als Wandholz wiederverwendet. An anderen Balken erkennt man Fensteröffnungen. Bauholz wurde wiederverwertet und nicht einfach entsorgt.

 

Details zu Recycling anno dazumal

Direkt bei den Stadeln der hinteren Herbrig führt der Wanderweg über einen vom Gletscher geschliffenen Felsrücken. Hier verzweigen sich die Fusswege. Wir schlagen den unteren Weg ein und laufen taleinwärts der lengu Flüe (Dialekt für: lange Felswand) entgegen.

 

Auf der Höhenkote 1740 m führt der Fussweg angenehm eben taleinwärts. Nach 300 Metern steht bergseitig am Weg die Stützmauer einer ehemaligen Ackerterrassierung. Gleich anschliessend queren wir ein Bächlein und sehen bereits rechts oben vor uns, im Schutze eines überhängenden Felsens, am Fuss der Wand ein Holzgebäude. Ein Weglein führt rechts hinauf. Nach 30 Metern stehen wir vor einem Gädi – so heissen im Zermatter Dialekt die Stallscheunen.

 

Das Kleingebäude liegt auf ca. 1770 m ü. M. und schmiegt sich an die Felswand. Ein Pultdach aus Steinplatten deckt es. Im Inneren sehen wir längs der Wand die Barmen, die Futterkrippen. Offenbar wurden hier Haustiere gestallt, am ehesten Schafe und Ziegen, die neben den Äckern im felsigen Gelände der Umgebung geweidet wurden. Beim näheren Hinsehen aber entdeckt man Dinge, die nicht zu einem Landwirtschaftsgebäude gehören.

 

In der bergseitigen Innenwand ist eine rechteckige Öffnung ausgehauen, umrandet von einer breiten Nut. Es handelt sich um ein kleines Fenster, wie es für sehr alte Häuser typisch ist. Verschlossen wurde es im Winter mit einem Rahmen, der mit lichtdurchlässiger Tierhaut oder etwa einer Schweineblase bespannt und in die Nut eingelassen wurde. Das Gegenstück zu dieser Fensteröffnung, die zweite Hälfte, entdecken wir in der talseitigen Wand des Stalls. Offenbar verbaute man beim Errichten dieses Kleinviehstalls Teile eines alten Wohnhauses.

Details am Stall Leng Flüe, die auf ein altes Wohnhaus weisen: Die Hälfte einer Fensteröffnung in der talseitigen Wand und Rosetten in Kerbschnitztechnik auf der einstigen Stubenbinde, heute die Aussenwand des Stalls.

 

Auffllend ist auch über dem Eingang das dicke, verzierte Wandholz, in das zwei grosse Rosetten eingekerbt sind. Dieser Balken heisst im Dialekt Binna, also eine Binde. Es handelt sich um den Unterzug in der Wohnstube, der die Decke trägt. Am bergseitigen Ende des Balkens ist zu sehen, wie diese Binde auf ihre Schmalkante aufgestellt wurde. Am Balkenende zeigt sich im Profil auch die Nut, auf der einst die Deckenbretter auflagen.

 

Die meisten Wohnhäuser nach 1550 / 1600 tragen auf dieser Deckenbinde die Jahreszahl (Baudatum), einen frommen Spruch oder die Namen der Eigentümer. Noch ältere Bauten aber führen auf der Deckenbinde selten eine Inschrift – höchstens hie und da eine Rosette oder eine andere Verzierung. Solche Bauten stammen aus dem Spätmittelalter, dem Zeitraum zwischen ca. 1300 und 1500. Auch hier war der Dendrochronologe an der Arbeit und Martin Schmidhalter verrät uns das Alter. Wir haben die Binde richtig interpretiert: Das Holz für den Bau des einstiges Hauses wurde 1401 gefällt.

 

Wir wissen nicht, wo das kleine, mittelalterliche Wohnhaus einst stand. Mit dem Holz errichtete man hier unter der lengu Flüe einen Stall – ein klassischer Fall von Recycling! Lohnte sich dieser Aufwand, fragt man sich angesichts der mühsamen Transporte? Und stand hier sogar ein zweites Gebäude, wie die sorgfältig gemauerte Bruchsteinwand ein paar Schritte entvernt am südlichen Rand der kleinen Fläche vermuten lässt?

 

Damals musste Bauholz in mühsamer Handarbeit gefällte und dann mit Beilen zubehauen werden. Fertige Kanthölzer waren etwas wert. Das Holz alter oder von der Lawine zerstörter Gebäude wurde nicht einfach weggeworfen oder verbrannt. Einigermassen intakte Kanthölzer wurden beim Neubau anderer Bauten eingesetzt und dafür oft mehrere Kilometer weit transportiert, auf dem Rücken der Maultiere oder von mehreren Männern getragen. Das war immer noch einfacher, als eine Erlaubnis für das Fällen neuer Bäume einzuholen und dann die tagelange Arbeit im Wald zu beginnen.

 

Über das ganze Erdgeschoss entnahm Martin Schmidhalter sieben Proben mit Splint, die zwischen 1375 und 1401 datieren und auf das Fälljahr 1401 weisen. Das gesamte Wandgeviert des Stalls wurde also aus dem Holz dieses Wohnhauses erstellt.

 

Der abgeschrägte Aufbau mit dem Pultdach hingegen ist neuer: hier datieren zwei Balken aus dem Jahr 1760. Vermutlich wurde damals das alte Haus abgebaut, hierher gebracht, als Stall aufgestellt und mit neuem Holz der Heuraum und das Pultdach erstellt. 1887 ist eine dritte Bauphase fassbar, als das Dach erneuert und mit Steinplatten eingedeckt wurde. Der schneereichen Winter 2017/2018 drückte das Dach ein und das Gebäude wurde im Sommer 2018 sanft saniert.

 

Labornummern Dendrosuisse 2017: 621039-048, 621062-067

 

Dieser Stall mit dem wiederverwerteten Holz ist also ein Kronzeuge der sogenannten Knappheitsgesellschaft, in der man sich für ein Überleben in bescheidensten Verhältnissen tagtäglich anstrengen musste. Jedes irgendwie wiederverwertbare Ding wurde abgeändert und weiter gebraucht – sogar alte Häuser waren noch gut für etwas….