7. Klimawandel und Apfelbaum auf 1750m


Ortsbezeichnung: Wengje (Im Wengje)

Die vielen Bruchsteinmauern sind Zeugen des ehemaligen Ackerbaus.

Die Klimaerwärmung der letzten 60 Jahre lässt auf dieser Höhe sogar einen Apfelbaum wachsen. 

 

Details zu Klimawandel und Apfelbaum

Vom Gädi an der lengu Flüe steigen wir die paar Schritte hinab auf den Wanderweg zurück, der uns nach einem kurzen Abstieg weiter taleinwärts führt. Die nun vor uns liegende Wegstrecke ist gut einen Kilometer lang und ist teils angenehm flach.

Am bergseitigen Rand des Wanderweges stehen wiederum Bruchsteinmauern, die Ackerterrassen stützten. Sie werden heute nicht mehr unterhalten und stürzen mit der Zeit ein. Nach zwei, drei Minuten kommen wir an einem wilden Apfelbaum vorbei, was auf 1750 m doch einigermassen erstaunlich ist und uns in Erinnerung ruft, dass wir hier auf der klimatisch begünstigten Sonnseite des Tales stehen. 150 Meter weiter überrascht uns ein improvisierter Mauerbau aus Natursteinen, Blechdach und talseitigem Holzverschlag; hier dürfte es sich um etwas Jüngeres handeln. Klaus Julen erzählt, dies sei ds Philemonsch Gädi. Philemon Perren (1914–1992) stallte hier in den 1940er und 50er Jahren seine Schafe. Noch vor einigen Jahren war der Kleinbau intakt und die Türe verschliessbar.

Heute geht dieses Beispiel bäuerlichen Improvisierens dem Zerfall entgegen.

   

Der markante Apfelbaum am Wegrand in Richtung Dirre Biel. Bergbäuerliche Spontanarchitektur: Philemons Gädi ist für die einen ein bemerkenswertes Beispiel von Bricolage, für die anderen ein Schandfleck in der Landschaft.

Wir laufen weiter in Richtung Südost und queren ds inner Hubelbächje, das taleinwärtige Bächlein, das von der Flur namens Hubel herunterfliesst.

Wieder sehen wir ob dem Weg grosse Mauern, die einst den unteren Rand der ausgedehnten Äcker stützten. 150 Meter nach dem Bächlein erreicht der Weg einen kleinen Wald und macht eine S-Kurve. Hier streifen wir den Nordrand der Flur Dirre Biel, was so viel heisst wie dürre Anhöhe, trockener Hügel – also ideal für den Roggenanbau.

 

Auch bei diesen Äckern standen einst Stadel, wie wir sie vorhin auf der vorderen Herbrig sahen. Klaus Julen berichtet, dass seine Tante Hilda Kronig und weitere ältere Personen erwähnten, hier auf dem Dirre Biel hätten Stadel gestanden. Die Gebäude selbst hätten sie aber schon nicht mehr gesehen. Auch hier waren die Immobilien, die damals eher noch Mobilien waren, abgebaut und wegtransportiert worden – wie das alte Wohnhaus, aus dem unter der Felswand Lengu Flüe ein Stall wurde.

 

Wer auf dem ‚dirre Biel‘ herumstreift, stösst auf mehrere Grundrisse einstiger Gebäude und auf Terrassierungen des Ackerbaus. Die schweisstreibende Arbeit auf den Äckern gab man im Verlaufe des 19. Jahrhunderts auf. Der Tourismus ermöglichte ein anderes Einkommen. Die neuen Verkehrswege – die Eisenbahn erreichte 1878 Brig und 1891 Zermatt – erlaubte Getreideimporte zu zahlbaren Preisen. Brot beim Bäcker zu kaufen wurde einfacher und billiger als sich auf den steilen Äckern abzurackern. Heute überwuchern Büsche und Wald das einst kultivierte Ackerland. Gestrüppe wie die Sefia, eine Art Wachholder, breiten sich aus. Die Natur nimmt zu, doch die Biodiversität nimmt auf diesen aufgelassenen Arealen ab, wie die Biologen beobachten.