9. Luchsfalle


Ortsbezeichnung: Luchsfalla (Zer Luxfallu)

Früher wurde alles bejagt, was dem Lebensunterhalt und der Landwirtschaft Schaden zufügte. Hier ist eine von zwei übriggebliebenen Luchsfallen von Zermatt. Im ganzen Wallis gibt es davon nur ganz wenige.

 

Details zur Luchsfalla

Wir laufen nun gut zehn Minuten weiter, wobei flache Wegstücke mit Steigungen wechseln. Nach ein paar steilen Spitzkehren sehen wir rechts des Weges unter einem Felsen wiederum verfallenes Mauerwerk. Hier scheint es sich eher um eine bescheidene Unterkunft für Hirten, Waldarbeiter, Harzsucher oder ähnlich ‚wandernde' Arbeiter zu handeln. Doch auch hier sind weder der genaue Verwendungszweck noch ein spezifischer Flurname mehr bekannt – solche Dinge schrieb in den Bergdörfern niemand auf und die alte Generation, die vom Hörensagen noch etwas hätte berichten können, nahm ihr Wissen mit ins Grab.

 

Der Weg steigt 50 Meter weiter um eine Felsnase herum und an Abgründen vorbei. In jüngster Zeit wurde die Passage mit Seilen gesichert. Einen mächtigen Felsbrocken, zu dem Klaus Julen den Namen dr Fuxschtey (der Fuchsstein) weiss, hat man mit Betonstützen unterfangen. Anschliessend verläuft der Weg wieder flacher. Am oberen Wegrand ragt ein Fels wie ein Obelisk auf. Direkt hinter ihm liegt sie, von wucherndem Gestrüpp getarnt, doch keine zehn Meter vom Wanderweg entvernt: die Luxfallu, die Luchsfalle.

 

Solche Einrichtungen der Jagd sind nur wenige übrig geblieben: Heute zählt man im Wallis die einst zahlreichen Bären- und Wolfsgruben oder etwa die häufigen Luchsfallen an einer Hand auf. In Zermatt jedoch sind gleich zwei solcher Luchsfallen im Gelände zu finden.

 

Aus Natursteinen, die auf einem sorgfältig flach gelegten Fundament aufgeschichtet sind, wurde eine Art Tunnel aufgemauert, der bei unserem Exemplar auf der Flur „Zer Luxfallu“ zwei Meter lang ist. Die längliche Öffung misst innen 50 cm in der Höhe und 40 cm in der Breite.

 

Ein alter Jäger aus einem anderen Walliser Seitental, der 1909 in Ried im Lötschental geborene Max Rubin, erzählte einmal, wie diese Luchs- und Marderfallen funktionierten: Das Raubtier habe sich trotz des Köders nie in einen geschlossenen Gang hinein gewagt. Nur wenn am anderen Ende ein Ausgang und Tageslicht sichtbar sei, gehe das Raubtier hinein. Man legte daher in der Mitte den Köder aus. An ihm waren zwei Schnüre befestigt, die zum vorderen wie zum hinteren Eingang der Luchsfalle führten. Dort war ob dem Zugang je eine kleine Holztür fixiert. Das Türchen liess sich in zwei seitlichen Nuten auf und ab bewegen. Berührte ein Tier die Schnur, so lösten sich beide Arretierungen und die Türchen fielen wie eine Guillotine herunter und schlossen beide Zugänge.

 

Von den Holzteilen (Falltürlein, genutete Führungen, Arretierungen) sehen wir inzwischen nichts mehr. Doch der Bau an sich ist intakt. Er ist ein seltener Zeuge aus jener Zeit, als Luchs, Marder und andere Raubtiere noch Hühner, Schafe und Ziegen holten. Auch Adler holten Lämmer oder Zicklein, während Murmeltiere den landwirtschaftlichen Boden durchlöcherten.

Damit fügten sie der Bevölkerung, die von der kargen Berglandwirtschaft leben musste, empfindlichen Schaden zu. Entsprechend bejagte man sie und rottete die meisten von ihnen im Verlauf des 19. Jahrhunderts aus.

Eine mobile Version dieser alten Jagd-Einrichtung verwendete der Jäger Linus Truffr (*1934, Randa/Zermatt) noch selbst: Er nagelte eine 70 Zentimeter lange Holzkiste zusammen, vergitterte den Hinterausgang, hängte den Köder in die Mitte und lenkte den Faden über eine kleine Holzspule zum Türchen. Ähnliche Käfige sind bis heute zum Einfangen von Mardern in Gebrauch (sogenannte Lebendfallen), wie Hilfswildhüter Viktor Perren in Zermatt berichtet.

 

Im Dezember 1779 hatten die Abgeordneten Rarons mit ihrem Antrag vor dem Walliser Landrat wenig Glück:

„Obschon des Loblichen Zehndens Raren Herren Ehrengesandten das instructionsmässige Verlangen dahin geäussert, das in Ansehung der Wölffn und Thierkatzen denen jenigen, so in Zukumpft der gleichen

höchst schädlichen Thieren erlegen werden, über dasjenige, so die Loblichen Zehnden zu bezahlen pflegen, noch sechs Krohnen aus dem Landseckel möchten bezahlet werden, haben jedennoch Meine Gnädige Herren es bey dem alten lassen wollen, das nemlichen ein jeder Lobliche Zenden seyne Jäger selbsten bezahlen solle.“ Da haben wir's: Keine Sonderprämien aus der Landeskasse, die Kosten werden auf die Zenden (die Bezirke) abgeschoben. Doch was für Kosten?

Schon im Dezember 1647 finden wir unter den Auslagen der Landvogtei Monthey für 2 Wölfe 30 Batzen und für 3 Bären 90 Batzen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Das waren nicht Kosten für den Kauf von Tierfutter, sondern Belohnungen für die Jäger, die diese Tiere abschossen. Die Summe ging ins

Tuch. Im selben Jahr rechnete auch Stockalper für die Amtsführung als Landvogt in St-Maurice und als Kastlan zu Brig: „Item für 15 Wölf und ein Beren 10 Pfund und 10 Gros“ [damalige Währungseinheiten] und 1648 im Novemberlandrat notierte Mathäus Imoberdorf, Landvogt in St- Maurice,

„Item für 29 [!] wölf 17 Pfund und 20 Gros, item für 6 berren 7 Pfund 10 Gros.“ – das historische Wolfsmonitoring schlussfolgert: entweder nahm innert Jahresfrist die Wolfspopulation exponentiell zu oder die Schiesstüchtigkeit der Unterwalliser.

Quellen: Staatsarchiv Sitten: Landratsabschiede AVL 3&4, AVL 9, ABS 204/18 vom Dezember 1647, Mai und Dezember 1648, Dezember 1779 (am einfachsten konsultierbar in der grosso modo verlässlichen Abschrift von Adolphe Favre aus den 1950er Jahren).